Tag 15 - 11.06.25

Ich wache auf, noch bevor mein Wecker überhaupt daran denkt, sich zu melden. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, die Welt ist still – bis auf das leise Flattern meiner Zeltplane im Morgenwind. Die Luft riecht nach Staub und Fels, und als ich den Reißverschluss öffne, trifft es mich wieder: diese unglaubliche Kulisse.

Das Valley of the Gods hat mich in seinen Bann gezogen, obwohl ich es gestern schon stundenlang bestaunt habe. Nachdem ich eingepackt habe, setze ich mich mit meinem Porridge auf einen flachen Stein und schaue zu, wie der Himmel über den Sandsteintürmen langsam glüht.

Inmitten dieser stillen Erhabenheit spüre ich eine tiefe Dankbarkeit. Dafür, dass ich hier bin. Dass ich das erleben darf. Dass ich mich irgendwann entschieden habe, diese Reise überhaupt anzutreten.

Die Sandsteinformationen wirken wie aus einer anderen Welt, gewaltige Monolithen mit Namen wie „Seven Sailors“ oder „Battleship Rock“. Die Strecke ist etwa 27 Kilometer lang, ein roter Schotterweg, der sich durch das Felslabyrinth schlängelt.

Kaum habe ich das Tal verlassen, beginnt die Straße anzusteigen. Und dann steht er vor mir: der legendäre Moki Dugway. Der Name klingt niedlich, fast freundlich – doch was folgt, ist eine Schotterstraße mit echtem Charakter. 5 Kilometer steil bergauf, 11 % Steigung, 335 Höhenmeter – und das alles ohne Leitplanken. Stattdessen: Haarnadelkurven, Felswände und tiefe Abgründe.

Diese Strecke wurde in den 1950ern gebaut, um Uranerz von Cedar Mesa ins Tal zu bringen – heute bringt sie eher Abenteuerlustige zum Schwitzen.

Oben angekommen, wechselt das Bild. Die Landschaft öffnet sich, die Straße führt weiter Richtung Norden. Die Vegetation wird dichter, das Gestein heller, die Luft angenehmer. Und dann – irgendwo zwischen Geröll, Sonne und Serpentinen – liegt plötzlich eine kleine Tasche am Straßenrand. Ich bremse, steige ab. Darin: ein Paar Sportschuhe, offensichtlich verloren. Wahrscheinlich von einem anderen Motorradfahrer. Ich nehme sie erstmal mit – vielleicht hole ich den Kollegen ja noch ein. Ich folge schon seit paar Tagen einigermaßen frischen Reifenspuren, die ebenfalls nach Norden führen. Ich kann nur nicht einschätzen, wie alt sie sind. Ich vermute so 1-2 Tage.

Die Route führt mich weiter entlang des Utah BDR, durch eine beeindruckende Wechselzone der Geographie. Von der trockenen, heißen Snow Flat Road mit ihrer kargen Wüstenlandschaft geht es langsam hinauf in die Wälder der Abajo Mountains.

Der Unterschied ist gewaltig: erst Sand, Staub und Kakteen – später Pinien, grüne Lichtungen und felsige Waldpfade. Auch die Temperaturen spielen verrückt. Während ich mittags noch bei über 30 °C geschwitzt habe, sinkt das Thermometer in den Bergen am Nachmittag auf unter 15 °C.

Der Höhenunterschied ist gewaltig: von etwa 1.300 Metern unten bis über 3.000 Meter oben. Der Tag zieht sich dahin, ruhig, aber erfüllt. Kein Drama, kein Platten, kein Bär. Nur ich, das Motorrad, und eine Landschaft, die sich immer wieder neu erfindet.

Am Abend lande ich auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe von Monticello. Ich baue mein Zelt auf, esse ein paar Tacos und lasse den Tag ausklingen. Die Tasche mit den Schuhe habe ich in der Nähe an einer Tankstelle abgegeben und auf Facebook, in der örtlichen BDR-Gruppe einen Post hinterlassen.

Ein Campingplatzbewohner kommt noch kurz auf einen Plausch vorbei. Da ich wieder das Bärenwarnschild am Campingplatz gesehen habe, befrage ich ihn dazu. Er meinte, dass er hier und in den Bergen, keine gesehen hätte. Sie wären hier sehr scheu. Puh, dann brauche ich mir also keine Sorgen machen, dass sie mir mein Porridge klauen.

So endet ein Tag voller Schönheit, Staub, und Serpentinen.