Tag 49 - 16.07.25

Diese Nacht war himmlisch ruhig, kein Darth Vader im Zimmer. Ich hatte tatsächlich gut geschlafen. 

Leider wartete das Grauen bereits vor der Haustür: Knapp 650 km lagen zwischen mir und Denver, und ich musste sie heute schaffen. Auf zwei Rädern. Mit einem Vorderreifen, der mehr tot als lebendig war. Ich hoffte wirklich, dass er diese letzte große Etappe noch überlebt. 

Ich startete früh, ohne Frühstück, weil ich mir genug Zeit für Pausen nehmen wollte. Punkt 07:00 Uhr vibrierte mein kleiner Motor in der klaren Morgenluft, und ich vibrierte mit.

Zur Entschädigung wählte ich nicht den schnellsten Weg, sondern den schönsten: über den Million Dollar Highway.

Ich fuhr also wieder Richtung Silverton, diesmal jedoch nicht mit dem gemütlichen Zug, sondern auf dem Motorrad, das alle paar Minuten daran erinnerte, dass sein Vorderreifen gleich in Rente möchte. Und was soll ich sagen: Der Highway war wirklich „high“ – stellenweise ging es über 3.300 m hoch. Mal links neben mir: Abgrund. Mal rechts: Abgrund. Dazwischen: Ich, der versuchte nicht in den Canyon zu fliegen.

Aber der Blick auf die Berge, Canyons und die grün-graue Weite Colorados war jede Schweißperle unter dem Helm wert.

Ich machte unterwegs mehrere Fotostopps, offiziell wegen der Aussicht, inoffiziell, um meinem Po eine Pause von der Sitzbank zu geben.

Zahlreiche alte, verlassene Minen säumten den Highway, Relikte aus einer Zeit, in der hier Männer mit großen Träumen und kleinen Schaufeln Gold und Silber suchten, nur um ihre Lungen am Staub der Minenschächte zu verlieren. 

Ouray erreichte ich gegen späten Vormittag. Diese kleine Stadt ist ein Western-Postkarten-Traum: Früher war Ouray eine klassische Minenstadt, geprägt von Gold- und Silberrausch, Saloon-Schlägereien, Whiskey und Pferdegetrappel auf staubigen Straßen.

Heute hat Ouray seine alte Holzfassaden-Optik behalten, jedoch mit hippen Coffee Shops, handgefertigten Seifen und Outdoor-Läden für Touristen mit Trekkinghosen, die ihren Cappuccino am besten mit Bergblick trinken möchten.

Die Stadt liegt eingebettet zwischen steilen Bergwänden und Pinienwäldern, die wie natürliche Schutzmauern wirken, und jeder Atemzug hier riecht nach klarer Luft und Abenteuerlust.

Hinter Ouray wurde die Landschaft offener, die Berge wichen nach und nach einer endlosen Ebene, die im Morgendunst flirrte. Nach etwa drei Stunden musste ich tanken und gönnte mir endlich ein Frühstück – ein Müsliriegel auf einer Bank im Schatten. Deluxe.Danach ging es weiter Richtung Montrose, wo in der Nähe ein Wildfeuer brannte.

Die Luft roch nach Rauch und verwandelte die Sonne in eine rötliche Scheibe, die eine apokalyptische Lichtstimmung über alles legte.

Bald darauf flog ich auf eine dunkle Gewitterwand zu. Die ersten Tropfen kamen, ich zog meine Regenklamotten an – prompt hörte es wieder auf. Danke auch, Murphy!

Natürlich wurde es danach sofort viel zu warm, sodass ich den Michelin-Männchen-Look wieder ablegen musste. Doch kaum hatte ich Denver in Reichweite, zogen von Westen grauschwarze Wolken auf, Donner grollte wie ein hungriger Bär in der Ferne, und ich fuhr direkt in diese Wetterfront hinein.

Als der Regen kam, schüttete es so stark, dass ich unter dem Vordach des nächsten Hauses Schutz suchen musste, um erneut meine Regenklamotten anzuziehen. Zum Glück dauerte der Guss nur kurz.

Danach gab es einen kleinen Supermarkt-Stopp, dann ging es weiter.

Gegen 17:30 Uhr rollte ich endlich in Bobs Einfahrt, wo er netterweise einen Schlüssel hinterlegt hatte. Bob war noch auf Tour, also machte ich das, was man nach einem Tag auf dem Motorrad tut: Ich zog mir bequeme Klamotten an, räumte etwas quf und machte mir Abendbrot.

Was es gab? Ein kulinarisches Festmahl, bestehend aus dem gefriergetrockneten Beef Stroganoff, das ich seit Wochen als Notration mitschleppte, und Lachs. Ein Gourmet würde weinen, aber ich fand es göttlich.

Während ich aß, kam Warren, der Nachbar, rüber – mit einer Schüssel Pasta in der Hand und den Worten:

„Du bist bestimmt hungrig.“ Ich nahm die Pasta dankend an, lehnte jedoch seine Einladung zu sich ab, da ich fix und fertig war.

Ich holte noch mein restliches Gepäck vom Motorrad, stellte es in die Garage und atmete tief durch.Dann hieß es: einfach entspannen, Augen zu, und schlafen.