Tag 32 - 29.06.25
05:30 Uhr. Natürlich. Mein Körper hat entschieden, dass Sonnenaufgang jetzt mein neuer Wecker ist. Ohne Snooze-Taste, ohne Diskussion. Das scheint sich inzwischen als mein neues Normal eingespielt zu haben, vermutlich weil ich inzwischen im Rhythmus mit der Natur lebe.
Nach den üblichen Morgenerledigungen machte ich mich auf zum Supermarkt, um meine Vorräte aufzufüllen. Glücklicherweise haben die meisten Supermärkte hier auch am Sonntag offen – wahrscheinlich, weil man hier immer Vorräte braucht, wenn man mitten im Nirgendwo ist.
Auf ins Abenteuer: Steens Mountain ruft!
Der Weg führte mich durch das Malheur National Wildlife Refuge, das mit seinen 7.800 km² eines der größten Vogelschutzgebiete der USA ist. Über 320 Vogelarten fühlen sich hier heimisch, darunter Kraniche, Pelikane und Schnee-Eulen, während ich als einziger „komischer Vogel“ vorbeiknatterte.
Die Landschaft? Flache Feuchtgebiete mit einem endlosen Flickenteppich aus Wasser, Gras und Schilf. Der Himmel so weit, dass man fast denkt, man könnte ihn anfassen, wenn man nur weit genug läuft. Und zwischendurch kleine Sandhügel, die aussehen, als hätte jemand versehentlich ein paar Miniaturdünen verstreut.
Das Fahren selbst war nicht gerade spannend: Schotterstraßen, ein paar Steine, ab und zu eine Kurve. Spannender war jedoch, wie die Welt sich veränderte, je höher ich auf den Steens Mountain hinauffuhr.
Man fährt hier durch mehrere Vegetationszonen:
– von den trockenen Busch- und Grasflächen in den Ebenen,
– in lichte Kiefernwälder und Espenhaine,
– bis zu subalpinen Wiesen mit Blumen, die trotzig aus dem steinigen Boden blühen,
– und schließlich in die karge Hochgebirgszone mit Schneefeldern.
Von etwa 1500m hoch auf fast 2950m, und während es unten noch über 30°C heiß war, konnte ich oben fast den Pulli rauskramen – es war knapp 15°C, dazu eine frische Brise, die nach Schnee und Freiheit roch.
Am Fish Lake versuchte ich eine Mittagspause mit Nickerchen, doch die Mücken hatten beschlossen, meinen Körper als All-you-can-eat-Buffet zu nutzen. Also weiter.
Der nächste Stopp: Kiger Gorge.
Diese Schlucht ist ein dramatischer, 300 Meter tiefer Einschnitt in den Berg, geformt von Gletschern, als die Erde hier noch in der Eiszeit steckte. Saftige grüne Matten, Geröllfelder und Schneeflecken zogen sich durch die Tiefe, während ein Falke durch die Luft segelte.
Hier traf ich John und Alex, die mich fragten, ob ich vorgestern am Hart Mountain gecampt hätte (ja, hatte ich). Wir kamen ins Gespräch, sie erzählten, wie steinig der BDR war. Ich lachte, als sie genau den Abschnitt meinten, den ich selbst auch am schlimmsten fand, und beruhigte sie, dass wirklich alle anderen Abschnitte deutlich mehr Spaß machen.
Fotos gemacht, Hände geschüttelt, weiter ging es.
Von Schneefeldern in die Wüste
Am nächsten Aussichtspunkt: der Blick in die Alvord-Wüste.
Unter mir breitete sich eine flache, weiße Fläche aus, die Alvord Playa – ein ausgetrockneter See, der aussieht wie der Mond in Beige. Umgeben von Bergen, flimmert die Hitze in der Luft, während sich Staubteufel in der Ferne tanzen.
Nach den Fotos ging es wieder 1500m hinab, von Schneefeldern zurück in die brennend heiße Wüste, und das alles in 30 Minuten.
Unten wieder: Unendlich viel Nichts.
Im Mini-Ort Fields (bestehend aus einer Tankstelle, einem Laden und einem Grill) wollte ich essen, doch der Grill hatte schon zu. Das nächste Restaurant? 100km entfernt. Ich kaufte also Nudelsuppe, eine Dose Sardinen, eine Dose Thunfisch (ohne zu merken, dass ich keinen Dosenöffner habe), eine kleine Flasche Milch und Erdnüsse. Kulinarische Glanzleistung.
Camping in der Alvord-Wüste
Ich fuhr in die Alvord-Wüste hinein, die mit ihrer Playa 13 Meilen lang und 7 Meilen breit ist. Hier kann man nachts die Milchstraße sehen, als hätte jemand eine Taschenlampe über den Himmel gezogen. Es ist einer der trockensten Orte Oregons mit durchschnittlich 180mm Regen pro Jahr, was weniger ist als in manchen Wüsten Afrikas.
Hier fühlte ich mich wie im tiefsten Nirgendwo, nur ich, mein Motorrad, und die Stille.
Am Mann See baute ich mein Lager auf, kochte meine Nudelsuppe, futterte Sardinen (Thunfisch blieb in der Dose), wusch ab, baute mein Zelt auf.
Dann setzte ich mich an den Tisch, während hinter mir die Sonne hinter dem schneebedeckten Steens Mountain verschwand und die Wüste in goldenes Licht tauchte.
Später sichtete ich noch die Fotos des Tages, ließ den Tag Revue passieren und verschwand irgendwann in meinen Schlafsack, umgeben von völliger Stille, die nur ab und an von einer kühlen Brise unterbrochen wurde.
Und während die Sterne über der Alvord-Wüste aufgingen, schlief ich ein – zufrieden, müde, voller Vorfreude auf das nächste Abenteuer.