Tag 27 - 24.06.25
Heute war einer dieser seltenen Tage, an denen ich mal ausgeschlafen habe. Also richtig ausgeschlafen – nicht dieses „Ich bin um 6 Uhr wach geworden, weil das Zelt in der Sonne gekocht wurde“-Ausgeschlafen. Nein, Hotelzimmer, dunkle Vorhänge, keine lauten Vögel oder Bären – ein kleiner Luxusmoment.
Mit sanfter Trägheit begann ich mein Frühstück vorzubereiten und gleichzeitig die ersten Sachen zu packen. Um 11 Uhr musste ich das Zimmer verlassen, also hatte ich noch etwas Zeit… und eine verrückte Idee: Ich gehe zum Sport.
Jawohl. Nach vier Wochen motorisiertem Sitzen, in denen mein Körper langsam aber sichtbar in Richtung „warmes Gummi“ mutierte, wurde es Zeit.
Also schwang ich mich nach dem Frühstück auf mein Motorrad und fuhr zum nächsten Studio. Leider kein Erfolg: keine Menschenseele da, Telefon? Tot.
Also auf zum nächsten: Planet Fitness. Klingt spacig, sieht aber aus wie die Wohnung einer 13-Jährigen, die beim Streichen vergessen hat, dass Wände nicht nur aus lila bestehen sollten. Oder die Geräte...
Aber hey – Hauptsache Gewichte! Trotz der Augenschmerzen schaffte ich es, meinem schlaffen Körper etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Danach fühlte ich mich wie ein Mensch, der wieder an sich glaubt. Gut so, denn: Jetzt ging’s wieder los!
Ich verließ Reno und nahm wieder Kurs auf den Backcountry Discovery Route (BDR) Nordkalifornien – ein Traum aus Schotter, Höhenmetern und Landschaften zum Verlieben.
Die Strecke führte mich durch dichte Pinienwälder, immer begleitet von einem plätschernden Bach und dem Gefühl von Freiheit auf zwei Rädern.
Ich liebe diese Mischung aus Abenteuer und Zen.
Irgendwann erreichte ich den charmanten Ort Downieville – ein Westernstädtchen wie aus einem Film: alte Holzhäuser, eine historische Brücke und ein paar Locals, die wirken, als hätten sie seit 1880 die Stadt nie verlassen.
Downieville war einst ein Goldrausch-Hotspot und einer der ersten Orte in Kalifornien, in dem eine Frau (angeblich) als Mörderin gehängt wurde. True Crime trifft Wilden Westen!
Dem North Yuba River folgend schlängelte ich mich durch eine spektakuläre Naturkulisse: klares Wasser, glitzernde Stromschnellen, Kiefern und Zedern, so weit das Auge reicht. Es roch nach Harz, Freiheit und einer Prise Abenteuer.
Natürlich wäre ich nicht ich, wenn ich nicht wieder die „harte Alternative“ des BDR zum Sierra Butte ausprobiert hätte. Der Sierra Butte ist übrigens ein markanter Berg mit über 2700 m Höhe, entstanden durch uralte vulkanische Aktivität – heute ein beliebtes Ziel für Wanderer und Mountainbiker.
Für mich hieß das: rauf auf 2100 m, von 1300 m aus. Steinig, steil und mehr Gerüttel als in James Bonds Lieblingsdrink.
An einer Abzweigung stand der Aussichtsturm, der mir auf der Karte schon Respekt eingeflößt hatte. Entfernung 2 km – 500 Höhenmeter. Ich dachte: „Komm, probier’s mal.“ Ich dachte auch: „Wie schlimm kann’s sein?“ Die Antwort: Steil. Steil. Richtig steil.
Nach einem Fahrfehler und einem verzweifelten Versuch, auf losem Geröll wieder anzufahren, beschloss ich, dass Heldentaten besser im Team funktionieren.
Dafür wartete der nächste Höhepunkt: Mills Peak Outlook – ein Aussichtsturm, der auch als Feuerausguck dient. Der Blick? Atemberaubend. Der Turm? Mit Radar, Bett und sogar Toilette ausgestattet – Glamping auf 2.000 Metern.
Die Dame vor Ort musterte mich wie eine Mischung aus neugierigem Waschbär und potenziellem Problem, erlaubte mir aber freundlich ein paar Fotos.
Dann ging’s weiter nach Graeagle – ein winziges, aber charmantes Örtchen mit bunten Holzhäusern. Früher war das hier eine Holzfällersiedlung, heute eher das Kalifornien für Ruhesuchende.
Ich gönnte mir im Restaurant eine himmlische Tomatensuppe und – als Belohnung für alles Rütteln des Tages – einen Burger mit Knoblauchpommes.
Später schnackte ich mit einem netten Pärchen am Nebentisch, dann mit zwei Bikern, die auch den BDR fahren. Es ist schön, wenn man wieder unter Gleichgesinnten ist – dieselbe staubige Kleidung, dieselben müden, aber glücklichen Augen.
Der Abend endete auf einem nahegelegenen Campingplatz, wo sogar Bärenboxen zur Verfügung standen – ein beruhigendes Feature in einem Gebiet, wo „Tapsi“ nicht nur im Kinderbuch existiert. Essen verstaut, Zelt aufgebaut, ein paar Notizen geschrieben – und dann? Zack, weg.
Ein Tag voller Kontraste: lila Fitnesscenter, wilde Pisten, historische Westernorte und Gespräche unter Gleichgesinnten. Und irgendwo dazwischen: ich, müde, glücklich, und bereit für alles, was noch kommt.