Tag 25 - 22.06.25

Wenn ich dachte, die letzte Nacht wäre schlimm gewesen – tja, ich hatte keine Ahnung, was die Wildnis noch so in petto hatte.

Diese Nacht war definitiv schlimmer. Viel schlimmer. Es fing damit an, dass ich einfach nicht in den Schlaf fand.

Irgendwelche kleinen Geräusche weckten mich ständig auf – Rascheln, Trippeln, Knacken. Mein Hirn interpretierte das natürlich sofort als „Da schleicht ein Bär um dein Zelt!“, obwohl es sich, der Geräuschlage nach zu urteilen, eher um eine Nagerfamilie auf Mitternachtstour handelte.

Wahrscheinlich ein paar freche Mäuse mit Stirnlampen und Biwakplänen. Aber versuch das mal deinem Unterbewusstsein zu erklären, wenn du allein in der Pampa pennst!

Als wäre das nicht schon genug Psycho-Terror gewesen, wurde es später auch noch brutal kalt. Ich spreche hier nicht von "frisch" oder "kühl", sondern von "Ich zieh mir in meiner Verzweiflung die Motorradhose über den Schlafsack" kalt. Leider zu spät – da war ich längst tiefgefroren wie ein Tiefkühl-Fischstäbchen. Und der Name des nahegelegenen Sees – Ice House Reservoir – war rückblickend eine düstere Prophezeiung, kein bloßer geografischer Hinweis. Die Stunden bis zum Morgengrauen waren ein Wechselspiel aus Zähneklappern und schreckhaftem Aufwachen.

Immer wenn ich die Augen aufschlug, hoffte ich verzweifelt, dass der Himmel endlich heller wird und ich mich irgendwie wieder auf Betriebstemperatur bringe.

Und tatsächlich – als das erste Licht kam, fühlte ich mich wie eine halb aufgetaute Tiefkühlpizza. Ich zog sofort meine Motorradjacke über den Schlafanzug-Look, packte mit zitternden Händen mein Camp zusammen und fuhr – mit dem Grazie eines Eiszapfens – zum nächsten See, dem Union Valley Reservoir.

Dort waberten Nebelschwaden über das stille Wasser, die Sonne kroch langsam über die Baumwipfel, und ich frühstückte in absoluter Ruhe. Das war so ein Moment, wo man die Strapazen kurz vergisst – bis man aufsteht und merkt, dass die Füße immer noch keine Zehen mehr haben.

Nach dem Frühstück stellte ich fest, dass meine Motorradkette sich entschieden hatte, Urlaub zu machen. Locker wie ein Gummiband. Also: Werkzeug raus, nachspannen. Mit klammen Fingern, versteht sich.

Danach ging’s weiter – ab in die Berge. Die Sonne wärmte inzwischen gnädig, aber es dauerte mehrere Stunden, bis meine Füße wieder auftauten. Ich rollte durch die Hügel und Wälder ohne große Highlights, bis ich den Donner Pass erreichte – endlich wieder was fürs Auge!

Der Pass liegt am historischen Donner Summit, benannt nach der berüchtigten Donner-Party, einer Gruppe von Pionieren, die 1846 in einem Schneesturm eingeschlossen wurde. Spoiler: Es endete tragisch (und angeblich kannibalisch). Heute zum Glück keine Menschenfresser mehr in Sicht, nur hübsche Ausblicke und eine Portion Wildwest-Geschichte.

Kurz danach landete ich im charmanten Ort Truckee. Nettes Städtchen! Die Altstadt ist richtig schön restauriert, mit echten Western-Vibes – so als könnte jeden Moment Clint Eastwood aus dem Saloon kommen.

Truckee war einst ein wichtiger Umschlagplatz für den Holztransport der Sierra Nevada und spielte auch eine Rolle beim Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn. Heute eher bekannt für Skitourismus und gutes Bier.

Von Truckee aus ging’s weiter nach Reno, wo ich zwei Tage Pause eingeplant hatte. Nach Tagen voller Kälte, Kettenproblemen und Camping-Folter war das wie der Besuch im Spa. Ich wusch erstmal mein völlig eingesautes Motorrad, checkte ins Hotel ein (mit einer Matratze – Halleluja!), kaufte neues Motoröl und eine frische Kette. Danach noch kurz in den Supermarkt für Essen – und dann setzte ich mich an meine Reiseberichte. Man will ja die Leiden ordentlich dokumentieren, sonst glaubt einem keiner, wie hart das wirklich ist.

Abends dann: Endlich, endlich ein echtes Bett. Mit Decke. Und Heizung. Keine Bären. Keine Nagetiere. Keine Zeltreißverschlüsse. Nur Ruhe.

Fazit: Ice House Reservoir? Niemals. Wieder. Aber Truckee, der Donner Pass und ein warmes Bett in Reno – das war die verdiente Belohnung. Jetzt kann’s weitergehen. Vielleicht aber erst nach noch 12 Stunden Schlaf.