Tag 19 - 16.06.25

Es war gegen sechs Uhr morgens, als ich auf dem Campingplatz des Bryce Canyon Nationalparks aus dem Schlafsack kroch.

Der Tag begann, wie er im Bilderbuch nicht schöner stehen könnte – umgeben von völliger Ruhe, nur unterbrochen vom gelegentlichen Schnarchen eines Campnachbarn, dem ich in Gedanken liebevoll den Titel „Bär von Zeltplatz Nr. 230“ verlieh.

Mein tägliches Ritual begann: Porridge aufsetzen. Nichts Großes, aber zuverlässig – wie ein alter Freund. Während ich ihn ziehen ließ, bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen neugierigen Beobachter: ein kleiner Chipmunk, ein Streifenhörnchen mit eindeutigem Interesse am Geruch der Nüsse.

Zuerst hielt er höflich Abstand, solange ich am Tisch stand. Doch kaum ging ich zum Zelt, um etwas zu holen – zack! – saß der kleine Bandit auf dem Tisch und steckte seine Nase in mein Porridge.

Ich reagierte wie eine Katze, ich kreischte und stürmte auf ihn zu. Erst dann sprang er davon. Ich konnte nicht mal böse sein – zu charmant war der kleine Dieb. 


Nachdem ich Frühstück und Wasser eingepackt hatte, machte ich mich auf den Weg zum Sonnenaufgang über dem Bryce Canyon. Und was soll ich sagen – obwohl ich am Vortag schon hier war, haute es mich erneut um.

Die Szenerie wirkte surreal: Tausende von Hoodoos – diese bizarr geformten, orangeroten Felstürme – glühten im ersten Licht.

Ich fotografierte, staunte, atmete tief durch – und startete dann meine Wanderung auf dem legendären Navajo Loop Trail.

Hinab in die Wunderwelt des Canyons. Der Navajo Loop ist kein langer Trail,  aber er gehört zu den eindrucksvollsten Wegen im gesamten Nationalpark. Man beginnt am Canyonrand und steigt langsam über Serpentinen hinab in eine andere Welt. Abschnittsnamen wie „Wall Street“ sind keine Übertreibung: Hohe, glatte Felswände türmen sich links und rechts, der Weg windet sich schmal hindurch, während das Licht wie durch ein Fenster aus Gold fällt.

Ich wanderte immer tiefer in den Canyon hinein, genoss die Stille, das Spiel aus Licht und Farbe, und vor allem: die Ruhe. Kaum andere Wanderer waren unterwegs – ein Kontrastprogramm zum sonst recht lauten Alltag auf dem Motorrad. Ich sog jeden Schritt auf wie ein Schwamm. Es war einer dieser Momente, in denen man merkt: Genau deshalb mache ich das alles.


Natürlich kommt nach dem Abstieg auch wieder der Aufstieg. Der Höhenunterschied von rund 160 Metern machte sich nun bemerkbar, aber dank angenehmer Temperaturen und regelmäßiger Pausen – getarnt als „Fotostopps“ – hielt sich die Anstrengung in Grenzen. Es war zwar fordernd, aber nie quälend. Und oben angekommen, war ich einfach nur glücklich.

Nach einem kurzen Abstecher zur Bryce Canyon Lodge, um das heilige Wi-Fi zu nutzen, wurde es wieder pragmatisch: Mein Vorderreifen war mittlerweile in einem Zustand, den man höflich als „traurig“ bezeichnen könnte. Ich suchte online nach Werkstätten in der Region und suchte eine Unterkunft – denn der nächste Halt war der Zion Nationalpark.


Leider war dort alles ausgebucht. Sowohl die Campingplätze als auch die preiswerteren Unterkünfte innerhalb und direkt am Park. Die wenigen verfügbaren Optionen? Entweder völlig überteuert und weit jenseits der Schmerzgrenze. Also entschloss ich mich, ein Zimmer in Hurricane, rund 30 Minuten entfernt, zu buchen.


Ich schwang mich also wieder aufs Motorrad und verließ Bryce durch den traumhaften Red Canyon, ein letzter optischer Höhepunkt voller leuchtend roter Felsen, Tunnelbögen und sattgrüner Pinien. Danach wurde die Landschaft flacher, weiter, wüstenartiger – Utah zeigt hier sein trockenes, staubiges Gesicht.

Ab Mittag wurde die Hitze fast unerträglich. 38 °C, laut Thermometer – aber ehrlich, es fühlte sich an, als würde ein überdimensionaler Föhn mich verfolgen. Der Fahrtwind war nicht kühlend, sondern heiß. Ich fühlte mich wie ein Grillhähnchen in Bewegung. Jeder Schatten wurde zur Rettungsoase, jeder Tropfen Wasser zur Erlösung.


Als ich endlich in Hurricane ankam, hatte ich keinen Sprit mehr – weder im Tank noch im Körper. Ich schleppte meine Sachen ins Zimmer, fiel auf’s Bett und machte das, was in diesem Moment am meisten Sinn ergab: ein episches Mittagsschläfchen.


Danach ging’s weiter im Survival-Modus. Ich wässerte mein T-Shirt erneut (das hatte in Bryce gut funktioniert – dachte ich) und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Supermarkt. Falsche Hoffnung: Nach 15 Minuten war das Shirt bereits wieder komplett trocken. Immerhin war der Supermarkt klimatisiert und gut sortiert. Ich kaufte Vorräte, Abendessen und ein bisschen Nervennahrung.

Zurück im Zimmer, duschte ich, machte mich über das Essen her und setzte mich an die Planung für den nächsten Tag: Zion stand auf dem Programm. Ich überlegte, welche Trails realistisch machbar wären, schaute mir Bilder an, las Tipps – und spürte bereits jetzt: Das nächste Abenteuer wartete. Und ich war bereit.