Tag 44 - 11.07.25
Ich wachte am Stagecoach Reservoir auf, während die Sonne sich noch hinter den Bergen duckte, als hätte sie auch keinen Bock auf Temperaturen unter 10 Grad.
Es war frisch, aber noch erträglich.
Dafür war die Szenerie ein Traum: Spiegelglattes Wasser, die ersten Lichtstrahlen kitzelten die Gipfel. Ich atmete tief ein und dachte: „Genau deswegen tue ich mir den ganzen Wahnsinn hier an.“
Nach einem Frühstück ging es noch eine Weile durch grüne Wälder und Wiesen, bevor ich mich ins Tal des Colorado River rollen ließ. Ich folgte der Colorado River Road Richtung Westen, die sich wie ein frisch gemaltes Band entlang des Flusses schlängelt.
Hohe rote Felswände, Weiden mit grasenden Pferden, dazwischen glitzert der Fluss in der Morgensonne. Jeder Kilometer eine neue Fototapete. Kaum hatte ich mich sattgesehen, änderte sich die Landschaft schon wieder dramatisch: Weite Täler, Canyons, rote Felsen, dann wieder grüne Oasen am Flussufer. Ich ließ mich treiben, genoss die Aussicht und war einfach nur dankbar, dass ich das erleben darf.
Irgendwann tauchte Gypsum auf, wo ich tankte und kurz die Beine ausschüttelte bevor es wieder in die Berge ging. Aus Asphalt wurde Schotter. Aus Schotter wurde gröberer Schotter. Die Straße wurde kurvig. Mit jedem Höhenmeter veränderte sich die Landschaft entlang der Brush Creek Road: Unten dichter Wald mit hohen Kiefern, dann offene Wiesen mit gelben Blumen, Bäche, die leise zwischen Steinen plätscherten, und schließlich karge Geröllfelder mit weiten Ausblicken, die dir die Kinnlade runterklappen lassen.
An einem dieser idyllischen Bach-Campingplätze machte ich Mittag, streckte mich auf der Bank aus und gönnte mir ein Powernap, während das Wasser neben mir gluckerte.
Danach brauchte ich volle Konzentration, denn es wurde spektakulär: Der Hagerman Pass stand an.
Steil, steinig, lose Brocken, größere Brocken, dann wieder kleine Brocken in losen Brocken – ein Enduro-Spielplatz, bei dem dein Herz jubelt, während deine Unterarme protestieren.
Der Weg von Westen hoch zum Hagerman Pass ist wie eine Geländefahrt im Sky-Modus: Auf knapp 3.700 Metern Höhe über Serpentinen, Geröll und Wasserrinnen, während der Blick auf die umliegenden Gipfel frei wird. Oben auf dem Pass: Ruhe. Wind. Schneebedeckte Berge, grüne Täler, ein Panorama, das dir kurz die Luft raubt.
Ich machte ein paar Fotos, atmete tief durch und genoss die Stille. Kurz hinter dem Pass traf ich auf Schnee – zum Glück geräumt – und der Weg hinunter sollte nicht weniger steinig werden.
Und dann stand er da: Ein Motorradfahrer am Wegesrand. „Alles okay bei dir?“ fragte ich. Seine Antwort: „Ja, also, wir hatten gerade mega Spaß – bis mein Kumpel nen Stein getroffen hat, gestürzt ist und jetzt den Arm gebrochen hat.“
Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Sie wollten langsam ins Tal rollen, ein Taxi rufen und ab ins Krankenhaus. Ich fragte, ob ich irgendwie helfen könnte. Er meinte aber nur, dass sie es schon irgendwie schaffen. Also weiter.
Hinter der nächsten Kurve sah ich den Verletzten auf seiner BMW 850 GS mit kaputtem Windschild, den linken Arm einbandagiert und nicht mehr nutzbar.
Er steckte in einer Kuhle fest, also stieg ich ab, schob ihn raus, versuchte ihn dann sogar mit meinem Motorrad anzuschieben, Bein gegen Soziusraste. Aber 230 kg plus Gepäck schiebt man nicht mal eben weg, ohne seine Kupplung zu toasten. Zum Glück konnte sein Kumpel mit der dicken 1250 GS übernehmen. Ich wünschte schnelle Genesung und fuhr weiter. Ab hier war es nicht mehr ganz so steil und steinig wie beim Aufstieg, aber ich fuhr deutlich vorsichtiger.
Dieser Vorfall erinnerte mich mal wieder: Motorradfahren ist nicht nur Sonnenuntergang und Instagram-Reels. Es ist auch Risiko.
Und an dieser Stelle ein dickes Danke an meine Schutzengel, die schon oft ihre Überstunden für mich machen mussten.
Wieder auf der richtigen Straße, zog in der Ferne ein fieses Regenband auf. Ich entschloss mich, ein Stück vom BDR zu skippen und fuhr direkt nach Buena Vista, wo ich mir einen Burger gönnte, der himmlisch schmeckte nach diesem langen Tag.
Danach ging es wieder über den Cottonwood Pass. Hier war ich vor 6 Wochen schonmal. Da lag aber noch deutlich mehr Schnee. Aber der Ausblick war immernoch herrlich.
Jetzt noch schnell einen Schlafplatz suchen… Der erste Campingplatz? Voll. Der zweite? Voll. Der dritte und vierte? Voll. Es ist Freitagabend in den USA – alle sind draußen, alle zelten.
Beim fünften Platz hatte ich Glück und schnappte mir den letzten Stellplatz. Ich hatte schon angefangen, am Straßenrand nach Buschplätzen zu scannen, aber zum Glück musste ich nicht den Heckenpenner machen.
Es war fast 21 Uhr, also baute ich schnell mein Zelt auf, machte ein paar Notizen, atmete nochmal diese klare, kalte Bergluft ein – und legte mich schlafen.