Tag 39 - 06.07.25

Dieser Tag hatte es mal wieder in sich: absolute Tiefpunkte, aber auch grandiose Höhepunkte – genau die Mischung, wegen der man überhaupt reist, oder?


Ich wachte kurz nach 5 Uhr auf, weil mein Nebenmann sein Zelt wie der Elefant im Porzellanladen zusammenpackte.


Mir fiel auf, dass es unheimlich kalt war. Irgendwas um die 0°C. Und das mitten im Sommer. Könnte damit zu tun haben, dass mein Campingplatz auf knapp 2400m Höhe liegt. 


Also raus aus dem Schlafsack, rüber zur Toilette, wo ich einen kleinen Heißluftventilator entdeckte – Jackpot!

Ich stellte ihn auf maximale Wärme und wärmte mich beim Zähneputzen auf. 
Blöd nur, dass das Teil irgendwann tierisch laut zu piepen anfing, vermutlich, weil es kurz vor der Selbstentzündung stand. Ich schaltete ihn aus, aber das höllische Piepen hörte nicht auf. Sorry, liebe Campingnachbarn, es war wirklich keine Absicht.


Danach packte ich Essen und Trinken zusammen und wollte aufs Motorrad, nur um festzustellen, dass mein Sitz gefroren war. Na toll. Ich fuhr trotzdem los, und kaum hatte ich die ersten Kilometer hinter mir, spürte ich, wie meine Finger immer kälter wurden.

Leider hat mein Motorrad keine Griffheizung, und innerhalb kürzester Zeit waren meine Hände nicht nur kalt, sondern taten so richtig weh.


Dann wurde es auch noch neblig, die Feuchtigkeit mit dem Fahrtwind machte alles noch kälter, und meine Finger fühlten sich an, als würden sie gleich abfallen. In meiner Verzweiflung versuchte ich, meine Hände hinter dem Auspuff zu wärmen – aua, zu heiß! Dabei schmolzen meine Neoprenhandschuhe leicht an. Super!


Anhalten hätte auch nichts gebracht, es war einfach bitterkalt, also musste ich durchhalten, bis ich endlich zum Canyon Village kam, wo es wenigstens ein Café gab.


Doch unterwegs hielt plötzlich eine Autoschlange auf der Straße an. Ich schlängelte mich vorbei und sah: Ein riesiges Bison stand mitten auf der Fahrbahn, komplett unbeeindruckt vom Verkehr. Ich hätte super gerne ein Foto gemacht, aber meine Finger waren inzwischen so steif, dass sie förmlich am Lenker festgefroren waren. Da mein Chuck-Norris-Blick keine Wirkung zeigte und ich mich nur schnell aufwärmen wollte, fuhr ich auf dem Seitenstreifen vorsichtig vorbei.


Ich biss die Zähne zusammen, aber irgendwann wurde mir auch noch schlecht – ich glaube, mein Körper wollte mir dezent sagen, dass das hier gerade wirklich grenzwertig war. 


Nach 40 Minuten eisiger Quälerei kam ich endlich im Canyon Village an, musste aber erstmal jemanden bitten, mir die Klettverschlüsse an den Handschuhen und den Helmverschluss zu öffnen, weil meine Hände Eisklumpen waren.

In der Toilette wärmte ich meine Hände gefühlt eine Ewigkeit unter dem Händetrockner auf und kaufte mir danach einen riesigen Tee als Handwärmer. Nachdem ich ihn ausgetrunken hatte, kehrte endlich wieder Leben in meine Finger zurück. Und auch das flaue Gefühl im Magen verschwand wieder. 


Danach fuhr ich zum Grand Canyon des Yellowstone Nationalparks. Er ist rund 32 km lang, bis zu 365 m tief und beeindruckt mit gelb-orangen Felswänden, die in der Morgensonne leuchten, während der Yellowstone River donnernd hindurchfließt.
Die Szenerie war atemberaubend, und ich machte eine Wanderung entlang der Südseite des Canyons, wo man ständig neue Perspektiven auf den Wasserfall und die tief eingeschnittenen Felsschluchten hat.


Irgendwann wärmte auch die Sonne wieder richtig angenehm, ich setzte mich mit Blick in den Canyon und aß erstmal mein Frühstück.


Später sah ich auf einer Wiese zwei Bisons, die langsam näher kamen, während neben mir das Skelett eines toten Bisons lag – National Geographic live. Nach ein paar schnellen Fotos entfernte ich mich lieber, denn: Die Bisons darf man nicht streicheln.


Bei einer Pause am Canyon lernte ich Bernhard und Amy aus der Schweiz und ihre beiden Söhne kennen – endlich konnte ich mal wieder Deutsch sprechen! Die Familie ist drei Monate im Camper unterwegs, war schon in Thailand und jetzt in den USA. Nach einem spannenden Gespräch ging es für mich weiter.


Nach der Wanderung fuhr ich zurück ins Canyon Village und gönnte mir zum Mittag Nudeln mit Wokgemüse und frittiertem Hühnchen – ziemlich lecker nach diesem Morgen. 


Danach ging es über den Dunraven Pass zum Tower Fall, einem Wasserfall.

Auf dem Weg dorthin konnte man wieder Bisons entspannt grasen sehen.


Im Städtchen Mammoth hatte ich endlich wieder Internet am örtlichen Besucherzentrum – Halleluja! Die letzten Tage ohne Empfang hatten die Planung meiner Route nicht gerade erleichtert. Was haben die Leute nur früher ohne Internet gemacht?

Außerdem gab es dort eine interessante Ausstellung zu den örtlichen Wildtieren.


Danach fuhr ich weiter zum Norris Geyser Basin, einem der heißesten Gebiete in Yellowstone, mit Temperaturen bis zu 237°C in manchen Quellen. Hier dampft und zischt es überall, die Erde ist in gelb, orange und türkis gefärbt, während Wasserdampf wie Geister über die Fläche zieht. 


Auch hier traf ich Bernhard und Amy wieder, wir quatschten kurz, bevor ich mich wieder auf den Weg machte.


Auf dem Rückweg zum Campingplatz fuhr ich wieder durchs Hayden Valley, wo in der Ferne Bisons grasten oder direkt neben der Straße, während der Himmel in der Abendsonne leuchtete. 


Zurück am Zeltplatz machte noch ein riesiger Elch die Gegend unsicher – naja, eigentlich graste er nur. 


Nachdem ich mich gewaschen hatte, war ich nach einem Tag voller Höhen und Tiefen, eiskalter Finger, Bisons auf der Straße, beeindruckender Landschaften und neuer Bekanntschaften hundemüde.

Wieder so ein Tag, der einen daran erinnert, warum man reist: weil man fühlt, dass man lebt – auch wenn es manchmal in den Fingern weh tut.