Tag 45 - 12.07.25

Über Nacht hatte sich Colorado mal wieder gedacht: „Kühlschrank auf.“ 

Morgens zeigte sich der Tag also wieder von seiner frischesten Seite. Aber hey, kaum stieg die Sonne über die Bergkuppen und schickte mir ihre ersten warmen Strahlen ins Gesicht und ich taute langsam wieder auf.


Ich fuhr los und heute stand der Cumberland Pass auf dem Plan. Vor sechs Wochen wollte ich ihn schon bezwingen, bin aber glorreich im Schnee steckengeblieben.

Diesmal aber: kein Schnee weit und breit, nur steinige Serpentinen, die sich hoch in den Himmel schlängelten.

Ich erreichte den Pass auf 3.368 Metern ohne Drama und ließ die Aussicht wirken. Nur ich, die Stille und diese gewaltige Rocky Mountain-Luft.


Als ich wieder runterrollte, verwandelte sich die grüne Bergwelt in eine weite, offene Prärie, die mit endlosen Horizonten winkte. Ich flog wie ein Vogel im Tiefflug über die breiten Schotterpisten, die Sonne im Gesicht, das Brummen der Maschine im Ohr, und fühlte mich dabei einfach frei.


Dann: Canyons wie aus einem Western, gelb, rot, gewaltig – John Wayne hätte hier jederzeit um die Ecke reiten können.

Danach ging es wieder hoch, diesmal zum Windy Point Aussichtspunkt, wo der Wind ordentlich zerrte, aber die Aussicht für alles entschädigte.


Am Nachmittag landete ich in Lake City, Colorado – einer kleinen Westernstadt, die 1874 als Bergbaustadt gegründet wurde und heute nur ca. 400 Einwohner hat. Sie liegt auf etwa 2.600 Metern, ist der einzige Ort im Hinsdale County, und besitzt mehr historische Gebäude als jede andere Stadt dieser Größe in Colorado. Lake City ist ein Tor zu vielen Offroad-Pässen wie Engineer Pass oder Cinnamon Pass und gilt als perfekter Stopp für BDR-Fahrer.


Nach dem Tanken überlegte ich, ob ich direkt weiter in die Berge sollte. Aber die Pässe hier sind touristische Highlights, viel 4x4-Verkehr, staubige Jeeps, die man an steilen Passagen schlecht überholen kann.

Also beschloss ich: Morgen früh, frisch, ausgeruht und mit leerer Straße.
Während ich noch meinen Übernachtungsplatz suchte, tauchten plötzlich Andrew und Judd auf, beide staubig bis unter die Brille – man sah sofort, dass sie ebenfalls den BDR fuhren.

Sie kamen tatsächlich aus derselben Richtung, in die ich morgen wollte, also quatschten wir kurz, bis Andrew plötzlich meinte: „Bier?“ – Ich sagte natürlich nicht nein.

Natürlich sagte ich nein zum Bier, Andrew lud mich dann aber zu einem Saft ein. Super nett.


Wir quatschten noch ein bisschen, bis sie in ihre Hütte eincheckten und wir verabredeten uns zum Abendessen. 


Ich sicherte mir einen Campingplatz in der Nähe, baute fix mein Zelt auf, wusch ein paar staubige Klamotten, ölte die Kette und sprang unter die Dusche. Und was soll ich sagen?


Man lernt die einfachen Dinge zu schätzen auf Reisen – warmes Wasser, saubere Füße, alles.


Abends traf ich die beiden Downtown und wir gingen zusammen in ein etwas schickeres Restaurant. Ich wollte mal wieder etwas Neues probieren und bestellte Beef Burgundy.


Was ist Beef Burgundy?
Beef Burgundy (oder Boeuf Bourguignon) ist ein klassisches französisches Schmorgericht, bei dem Rindfleisch in rotem Burgunderwein langsam geschmort wird, zusammen mit Zwiebeln, Knoblauch, Karotten, Speck und aromatischen Kräutern wie Thymian und Lorbeer. Das Fleisch wird dabei so zart, dass es auf der Zunge zerfällt, während der Wein eine tief-würzige Soße bildet, in der man am liebsten alles tunken möchte, was Brot heißt.

Kurz: Ein Gedicht nach einem langen Tag auf dem Motorrad.


Nach dem Essen quatschten wir noch eine Weile über Bikes, Routen und den Staub in unseren Stiefeln und beschlossen, morgen gemeinsam weiterzufahren.Andrew und Judd zogen sich in ihre Hütte zurück, ich schlenderte zurück zum Campingplatz, sammelte meine inzwischen trockenen Sachen ein und verkroch mich ins Zelt. 
Draußen plätscherte der Fluss nebenan, die Sterne funkelten, und ich schlief ein mit dem Gefühl, dass das Leben genau hier draußen stattfindet – auf staubigen Wegen, in kalten Flüssen und in Momenten, die man nicht vergisst.