Tag 42 - 09.07.25

Diese Nacht war wieder super windig – so windig, dass ich mitten in der Nacht wach wurde, weil plötzlich das halbe Zelt auf mir lag.

Der Wind hatte zwei Zeltheringe befreit. Also hieß es: Schlafsack auf, Schuhe an, fluchend raus in den Wind, um das Zelt mit halb geschlossenen Augen neu zu richten.

Zum Glück konnte ich danach wieder einschlafen, und immerhin war die Nacht angenehm warm, was den kleinen nächtlichen Camping-Actionfilm erträglich machte.

Am nächsten Morgen fuhr ich hinauf in die Berge, bis auf 2900 Meter, über eine idyllische Schotterstraße, die sich an mehreren Seen vorbeischlängelte und so schön war, dass ich kurz dachte, ich sei in einem alten Westernfilm gelandet.

Irgendwann erreichte ich die Carissa Mine, eine alte Gold- und Silbermine aus den 1860ern, die während des Goldrausches in Wyoming für einen kleinen Boom sorgte. Heute kann man hier rostige Maschinen, alte Schächte und die Überreste eines einst geschäftigen Minenlebens bestaunen, bevor der Boom wieder abebbte und die Geister der Vergangenheit das Gebiet zurückeroberten.

Ganz in der Nähe liegt South Pass City, eine historische Stadt, die während des Goldrausches aufblühte und damals bis zu 2000 Einwohner hatte. Die Stadt spielte auch eine wichtige Rolle in der Geschichte des Frauenwahlrechts: Hier durften Frauen ab 1869 als erste in den USA wählen, was sie historisch besonders macht.

Nachdem ich kurz ein bisschen Geschichte geschnuppert hatte, fuhr ich weiter. Hinter Atlantic City öffneten sich unendliche Weiten, in denen ich wieder einmal fasziniert war, wie viel unberührte Natur hier existiert. Über hunderte Kilometer war nichts außer Hügel, Weite und das Gefühl, dass der Wind hier mehr Bewohner ist als der Mensch.

Ich folgte dem Beaver Rim, einer spektakulären Geländestufe, die Ausblicke bietet, die man nicht mehr vergisst.

Später erreichte ich den Independence Rock – einen riesigen Granitfelsen, der seinen Namen von Pionieren bekam, die hier am 4. Juli (Independence Day) Rast machten. Der Felsen war ein wichtiger Orientierungspunkt für Siedler auf dem Oregon Trail, die ihre Namen in den Fels ritzten, in der Hoffnung, irgendwann in Oregon anzukommen und nicht von Hunger, Kälte oder Indianerangriffen dahingerafft zu werden.

Hinter Alcova bog ich wieder auf eine einsame Schotterstraße ab und begab mich in die unendliche Wildnis.

Die Shirley Mountains boten zur Abwechslung mal wieder eine kleine fahrerische Herausforderung: Schotter, enge Kurven, etwas mehr Konzentration – und gleichzeitig tolle Blicke ins Tal, die einen daran erinnerten, warum man das alles hier macht. Gegen Abend erreichte ich den kleinen Ort Medicine Bow, wo ich mir zum Abendessen ein ordentliches Philly Cheese Steak Sandwich gönnte, bevor ich im legendären The Virginian Hotel eincheckte.

Nach einer heißen Dusche fiel ich erschöpft, aber glücklich ins Bett, während draußen der Wind leise weiter sang.