Tag 37 - 04.07.25
Wie so oft war ich kurz nach fünf Uhr wach – diesmal lag es vermutlich nicht nur an meinem inneren Wecker, sondern auch am leichten Nieselregen und einem leichten Frösteln im Zelt.
Da die beiden Schlafenden neben mir noch selig vor sich hin schnarchten, machte ich mir erstmal ein paar Notizen vom Vortag und sichtete ein paar Bilder.
Als das Nieseln endlich aufhörte, schlich ich mich aus dem Zelt und begann langsam und leise meine Sachen zu packen. Kaum hatte ich jedoch den Zeltreißverschluss geöffnet, stürzten sich drei Milliarden Mücken auf mich, als hätten sie die ganze Nacht nur auf diesen Moment gewartet. Immerhin hatten sie nachts mein Motorrad nicht geklaut.
Leider fing es wieder an zu nieseln, und jeder, der schon mal ein Zelt nass eingepackt hat, weiß: Das macht null Spaß. Aber was blieb mir anderes übrig? Immerhin musste ich dabei nicht mit Bären kämpfen.
Irgendwann wurden auch Dan und Frank wach und packten ihre Sachen. Da es feucht war und keine Möglichkeit zum Unterstellen gab, verzichtete ich auf das Frühstück und fuhr los – ab auf die Magruder Road Richtung Osten.
Die Magruder Road (offiziell Nez Perce Road) ist ein historischer Offroad-Pass zwischen Idaho und Montana. Sie entstand als Handels- und Trapperroute, bekannt wurde sie durch das Magruder-Massaker 1863, bei dem der Händler Lloyd Magruder und seine Begleiter auf dem Rückweg von Virginia City brutal überfallen wurden.
Die Täter wurden später gefasst, wodurch dies zum ersten Mordfall mit Auslieferung aus Kalifornien in Idaho wurde.
Die Straße war zunächst eine einfach zu befahrende Schotterstraße, aber sie hatte einige scharfe Kurven. Eine dieser Kurven unterschätzte ich gründlich, sah erst spät, wie stark sie abknickte, bremste scharf, kam ins Schleudern, das Hinterrad blockierte – und ich stürzte.
Zum Glück ist mir nichts passiert. Auch das Motorrad hatte nur ein paar Kratzer, und der Sturz war allemal besser, als von 1800 Metern den Abhang herunterzustürzen.
Also: Motorrad aufgestellt, Dreck abgeklopft und weiter ging’s.
Kurz darauf kam ich an eine Abzweigung zu einem Feuer-Aussichtspunkt. Eigentlich wollte ich dort nicht hoch, es war eh wolkig, aber ich hoffte auf einen Unterstand für ein Frühstück im Trockenen.
Der Weg war jedoch steil, sehr steinig, nass und rutschig – keine gute Kombination. Unterwegs sah ich Schneehaufen, aber als es noch steiler wurde, brach ich das Vorhaben ab.
Ich fuhr weiter auf der Magruder Road, die sich bis auf ca. 2400 Metern entlang der Berge schlängelte. Links und rechts ragten dichte Kiefern- und Tannenwälder empor, zwischendurch leuchteten grüne Wiesen mit Wildblumen. Nebelschwaden zogen durch die Täler, als würden die Berge heimlich Zigaretten paffen.
Eigentlich wunderschön, aber ich machte nicht viele Fotos – der Regen hatte inzwischen meine Handschuhe durchnässt, ich fror und es fühlte sich einfach nur nach Überlebenskampf an.
Gegen Mittag erreichte ich eine Ranger Station, wo ich mich endlich unterstellen konnte, um gegen 12 Uhr mein Frühstück zu essen.
Weit und breit war hier auf der Magruder Road auf über 150 km keine Zivilisation, es fühlte sich wirklich an wie Mitten im Nirgendwo.
Irgendwann wurde die Schotterstraße zur richtigen Straße, und ich freute mich selten so darüber – endlich schneller fahren und hoffentlich aufwärmen.
Ich überquerte die Grenze von Idaho nach Montana und erreichte kurz danach Darby, wo ich auftankte und mir einen riesigen heißen Tee gönnte.
Nach vier Stunden Dauerregen hatte ich klatschnasse Füße und eingefrorene Hände, sodass ich kaum meine Geldbörse aus der Tasche bekam.
Der Tee taute mich auf, und ich entschied, statt der Idaho Backcountry Discovery Route Idaho Richtung Wyoming zu fahren, da es weiter regnen sollte.
In Montana zeigte sich wieder wunderschöne, bergige Landschaft, und ich fuhr ein Stück des Bonnie and Clyde Trail, einer Route, die an Orte erinnert, an denen das berühmte Gangsterpaar während ihrer Flucht Rast gemacht haben soll.
Schließlich hörte der Regen auf, die Sonne kam heraus, und ich fuhr auf der MT43 Richtung Osten in eine Gegend namens Big Hole. Das Big Hole ist bekannt durch die Schlacht am Big Hole 1877, als die US-Armee die Nez Perce während ihres Fluchtversuchs nach Kanada angriff. Die Landschaft: weite Täler, grasbewachsene Ebenen, eingerahmt von Bergen, Wolken, die in Pastellfarben an den Gipfeln hängen, und Bäche, die sich glitzernd durch das Tal schlängeln. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Gegen 16 Uhr erreichte ich mein Ziel in Butte, wo ich mir ein Hotelzimmer genommen hatte. Trotz der Sonne war mir immer noch kalt und die Füße klitschnass, also das erste: Heiß duschen, und zwar lang.
Gegen 17 Uhr gab es endlich „Mittag“, danach packte ich aus, wusch ab und begann, meinen Besuch im Yellowstone Nationalpark zu planen. Leider zog wieder ein Sturm auf, also blieb ich im Hotel, aß ein paar Reste, machte noch Notizen und schrieb diesen Reisebericht, bevor ich in einem warmen Bett einschlief – nach einem Tag voller Nieselregen, Mückenangriffen, Stürzen, Bergen, Big Hole und endlich einer heißen Dusche.