Tag 46 - 13.07.25

Na, wer hätte es gedacht – dieser Tag verlief wieder deutlich anders als geplant, aber dazu später mehr.


Ich wurde mal wieder auf einem Campingplatz wach. Immerhin: gut geschlafen.

Ich war heute mit Judd und Andrew verabredet. Also: Sachen packen, frühstücken und ab zur Hütte der beiden.

08:30 Uhr, Abfahrt auf den BDR und rein in die Berge!
Es ging am glasklaren San Cristobal See vorbei, dann Richtung Cinnamon Pass.


Der Cinnamon Pass liegt auf 3.853 m Höhe in den San Juan Mountains und verbindet Lake City mit Silverton. Von Osten kommend, schlängelt sich der Weg an Fichten vorbei, bald wird es karger, die Baumgrenze bleibt zurück, und die Landschaft verwandelt sich in ein Hochgebirgstheater: grüne Matten, graue Geröllfelder, bunte Blumen, schroffe Gipfel.

Der Untergrund? Steinig, felsig, mit losen Schotterfeldern, die dein Vorderrad zum Tanzen bringen, während dein Hinterrad den Samba auf den Steinen probt. Stellenweise tief ausgewaschen, mit steilen Anstiegen und engen Kehren, die deine Kupplung in den Wahnsinn treiben.


In der ersten Haarnadelkurve war es dann soweit: Judd stürzte. Wir hoben das Motorrad gemeinsam hoch (Teamwork makes the dream work, oder so), dann versuchte ich, ihn wieder anzuschieben, was ultra anstrengend war.

In der dünnen Bergluft musste ich erstmal ausgiebig nach Luft schnappen.


Zwei Kurven später: nächster Sturz von Judd. Ich hielt, stieg ab und lief keuchend zu ihm runter. Judd meinte, sein Knie (gestern angeschlagen) sei einfach nicht stark genug, um die Maschine zu halten. 
Also entschied er sich umzudrehen. Verständlich und eine gute Entscheidung, denn hier riskiert man ernsthafte Verletzungen schneller als man „Cinnamon“ sagen kann.

Andrew wollte seinen Freund nicht allein lassen, logisch.

Ich verabschiedete mich also von beiden, leider früher als erwartet, und fuhr weiter.
Die Passstraße war steil und ultra steinig, ich schwitzte so, dass mein T-Shirt am Rücken klebte wie ein Pflaster.

Aber irgendwann – geschafft. Oben auf dem Cinnamon Pass.

Der Ausblick? Unfassbar.

Man sieht hinüber zu den zerklüfteten Bergketten der San Juans, Täler voller grüner Wiesen, Schneefelder im Juli, weite Blicke in alle Richtungen – pure Freiheit auf 3.853 m.


Hinter dem Pass kam ich an Animas Forks vorbei, einer verlassenen Minen-Geisterstadt auf 3.401 m. Hier suchten Goldgräber seit 1873 ihr Glück in bitterkalter Abgeschiedenheit, im Winter soll hier bis zu 7 m Schnee liegen – wie hart diese Jungs waren, ist kaum vorstellbar.


Die nächsten beiden Pässe: Hurricane Pass & California Pass

Hurricane Pass (3.901 m): Ein schmaler, steiniger Trail, der sich in endlosen Serpentinen den Hang hochzieht. Die Aussicht reicht zurück auf Animas Forks und die umliegenden Gipfel, die wie gezackte Messer den Himmel durchschneiden.

California Pass (3.926 m): Noch höher, noch karger, noch beeindruckender. Blick auf den Lake Como (leuchtet türkis wie ein Photoshop-Filter) und die umliegenden Minenreste.

Hier kam mir wieder „Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein“ in den Sinn. Und ja, genau so fühlt es sich an.


Es folgten Corkscrew Pass und Million Dollar Highway


Corkscrew Pass (3.846 m): Rote Felsen, enge Kehren, steile Hänge, lose Steine – ein Pass, der deinen Puls hochjagt.

Danach ging es hinunter auf den Million Dollar Highway (US 550), berühmt für seine atemberaubenden Ausblicke und steilen Abgründe ohne Leitplanken.

Angeblich heißt er so, weil der Bau eine Million Dollar pro Meile kostete – oder weil der Blick hier eine Million Dollar wert ist. Auch hier hing es wieder an alten Minen vorbei.


Es war nun gegen 12 Uhr, ich war komplett durchgeschwitzt und hungrig, also: Parkplatz, Snackpause, kurz wieder Mensch werden.


Dann der letzte Kraftakt: Ophir Pass (3.585 m).

Der Aufstieg war noch moderat, aber die Abfahrt: grobe Steine, steil, technisch anspruchsvoll, hier kann man sich keinen Fehler erlauben. Voller Fokus, volle Konzentration, die letzten Kraftreserven mobilisieren, während die Handgelenke brennen und der Vorderreifen sich durch Steinfelder beißt.

Irgendwann: Geschafft.


Der krönende Abschluss

Für diese 110 km des BDR hatte ich 5 Stunden gebraucht und dabei ca. 3.500 Höhenmeter erklommen und wieder abgestiegen.Dieser Abschnitt war der krönende Abschluss meiner Reise. Die Landschaft? Einfach faszinierend. Ich hatte alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Aber ich war fix und fertig, körperlich und mental.
Zum Glück gab es in der Nähe ein edles Hostel, in das ich mich einquartierte, erstmal ausgiebig duschen, dann ein Mittagsschläfchen.
Nach etwas Erholung fuhr ich ins nahegelegene Mountain Village und gönnte mir beim Edel-Italiener eine Pizza (und ja, sie war absolut göttlich).

Danach ging es zurück ins Hostel, ich ließ den Tag Revue passieren, entspannte mich und fiel schließlich glücklich und müde ins Bett.


Fazit: Manchmal läuft es anders als geplant. Manchmal stürzt dein Kumpel, dein Shirt klebt, du bist fix und fertig. Aber manchmal stehst du auf 4.000 m und die Freiheit ist tatsächlich grenzenlos. Und genau deswegen macht man diesen Quatsch.