Tag 35 - 02.07.25
Kurz nach Mitternacht riss mich ein Schrei und anschließender Knall aus dem Schlaf. Der Schrei klang irgendwie unmenschlich.
Ich lag in meinem Zelt auf dem Mountain View Campground und starrte in die Dunkelheit. Nichts. Vielleicht hatte ich es nur geträumt.
Also Augen zu und zurück in die Traumwelt. Um 6 Uhr krähte mein imaginärer Hahn. Die Luft war noch frisch, die Welt roch nach Kiefernnadeln und feuchter Erde, während ich zum gefühlten 1000. Mal mein Porridge zubereitete, Zähne putzte, Zelt abbaute und alles aufs Bike packte.
Abenteuerromantik in Reinform.
Kaum 50 Meter gefahren, lag direkt vor dem Eingang des Campingplatzes ein totes Reh. Ah. Kein Traum. Idaho, du bist echt.
Die Route führte wieder hoch in die Berge, von 1200 m auf 2000 m, Serpentine um Serpentine, Bäume links, Bäume rechts, Bäume überall. Unendliche Kurven. Anfangs grinste ich noch unter dem Helm und stellte mir vor Rallyfahrer zu sein, doch irgendwann war es wie ein Spotify-Song auf Dauerschleife: nett, aber man will dann auch mal was Anderes.
Am Deadwood Reservoir machte ich Pause, Beine vertreten, Wasser gluckern hören. Die Gegend hier ist wie ein Landschaftspuzzle in Pastell: tiefgrüne Tannen, spiegelndes Wasser, steile Berghänge im Hintergrund, Adler ziehen über den Himmel, während das Wasser leise gegen das Ufer schwappt.
Danach wurde die Straße geradliniger, entlang des Johnson Creek, der sich glitzernd durchs Tal schlängelte. Die Landschaft hier? Offene Wiesen, gelb und grün getupft, gesäumt von Pappeln und Fichten, der Bach plätschert neben der Straße, während sich die Berge sanft im Hintergrund erheben. Es war so idyllisch, dass ich fast erwartet hätte, dass ein Elch vorbeispaziert.
Ich cruisten also weiter und erreichte Yellow Pine zum Tanken.
Diese 150-Seelen-Ortschaft ist bekannt für eine alte Goldgräbergeschichte und als Tor zu den weiten Idaho-Bergen. Hier findest du einen Mini-Shop, ein paar bunte Häuser, eine improvisierte Zapfsäule und jede Menge „Howdy“-Grüße.
Die Hitze im Tal brannte bei 1500 m, aber ich machte weiter, kletterte mit meinem Motorrad zum Elk Summit Pass auf 2600 m, wo noch 1m Schnee auf der Straße lag und die Temperaturen deutlich frischer. Glücklicherweise konnte man rechts dran vorbei fahren.
Im Anschluss hieß es wieder in tausenden Kurven hinunter ins Tal zu fahren.
Gegen 16 Uhr rollte ich in die alte Minenstadt Warren. Ein Ort, wo sich Elche und Goldsucher gute Nacht sagen. Warren wurde in den 1860ern als Goldrausch-Stadt gegründet und hatte einst 2000 Einwohner. Heute? Vielleicht 12 im Winter, 30 im Sommer, ein paar Ruinen, charmante Hütten und eine urige, zeitlose Atmosphäre. Nach Gold und silber wird immernoch geschürft.
Ich hielt, um Benzin aufzutreiben, als plötzlich ein blauer Jeep neben mir hielt. Der Fahrer lehnte sich rüber: „Hey du suehst aus, als könntestdu eine Pausd gebrauchen, willst du ein Bier?“ Ich lehnte höflich ab (Mama wäre stolz), meinte aber: „Ein anderes kühles Getränk wäre super.“
So lernte ich Nadine und Dan kennen, die mich einluden, mit ihnen was zu trinken. Wir quatschten über Gott und die Welt. Es dauerte nicht lange, bis sich immer mehr Warren-Bewohner dazugesellten, die Nadine alle kannte, weil sie im Sommer in einer Hütte hier lebt.
Aus der Einladung zum Getränk, wurde noch eine Einladung zum Abendessen. Wunderbar.
Ich bestellte ein Crispy Chicken Sandwich und es schmeckte hervorragend.
Irgendwann fragten sie: „Wo pennst du heute eigentlich?“ Ich: „Keine Ahnung, ich such mir noch ein Plätzchen zum campen.“
Und jetzt kommt der Hammer: Sie luden mich einfach in ihre Hütte ein. Einfach so. Ich dachte kurz, ich sei in einem amerikanischen Feelgood-Film gelandet. Ihre Hütte war urig, mit Jagdtrophäen dekoriert, die Geschichten atmeten, und Nadine und Dan waren unfassbar gastfreundlich.
Wir lachten, redeten und irgendwann durfte ich nicht nur duschen, sondern auch noch mein Motorrad volltanken.
Nach Tagen im Zelt endlich eine Dusche, ein Bett, echte Gespräche und eine Prise Idaho-Magie.Die beiden waren die Sorte Menschen, die du unterwegs triffst und dich wieder an die Freundlichkeit der Welt glauben lassen. Wir quatschten noch ein bisschen, dann kroch ich müde, satt und glücklich ins Bett – in einer Hütte voller Geschichten, mitten in Warren, Idaho.
So, Idaho, ich mag dich.
Und wer braucht schon Netflix, wenn das echte Leben solche Episoden schreibt?